Scream VI: Unser Review zum sechsten Teil des Meta-Horror-Franchises (2024)

Nachdem die „Ready or Not“-Macher Matt Battinelli-Olpin und Tyler Gillett die Scream-Reihe 2022 sehr lukrativ wiederbelebt haben, erschien schon dieses Jahr mit Scream 6 die Fortsetzung. Laut Horrorexpertin Mindy folgt auf das Requel (Mix aus Fortsetzung und Elementen der Originalfilme) nun das Franchise: Mehr Charaktere, mehr Blut, mehr Kills. Die Frau weiß, wovon sie spricht, denn für Scream 6 wurde das Budget von 24 auf 35 Millionen Dollar angehoben und anstatt im trauten Woodsboro, verfolgt Ghostface die Truppe nun in New York. Welche neuen Möglichkeiten dieser große Schauplatz bietet und ob sie wirklich genutzt werden, lest ihr in unserem spoilerfreien Review zu Scream 6.

Der Alltag nach dem Boogeyman

Manchmal braucht man einfach einen Tapetenwechsel, vor allem, wenn man selbst, die große Schwester und der gesamte Freundeskreis von zwei Killern attackiert wurden. In Scream 6 studiert Tara Carpenter (Jenna Ortega) daher mit ihren Freunden Chad und Mindy Meeks-Martin in New York, während sich Sam Carpenter mit einfachen Jobs im Big Apple über Wasser hält. Dabei lässt sie ihre kleine Schwester keine Sekunde aus den Augen und kontrolliert jeden ihrer Schritte. Die in Scream 5 gerade wieder gekittete Geschwister-Beziehung scheint dadurch erneut zu bröckeln: Tara möchte ihre eigenen Entscheidungen treffen und die schrecklichen Erlebnisse endlich hinter sich lassen. Das scheint Sam jedoch sehr viel schwerer zu fallen, der im Internet unterstellt wird, dass sie die wahre Ghostface-Killerin ist und alles nur inszeniert hat. Außerdem wären da noch die Visionen ihres verstorbenen Ghostface-Vaters, bei denen ihr selbst ein Psychologe nicht weiterhelfen möchte.

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Während die in Scream 5 etablierten Hauptcharaktere eher blass blieben, war ich überrascht, wie gut ich hier bereits im Einstieg mit den beiden mitfühlen konnte. Wie in Halloween (2018) beobachtet man, wie Überlebende eines grausamen Slasher-Angriffs versuchen, wieder einen Alltag für sich zu finden. An dieser Stelle sei auch das Drama „The Life After“ (2021) mit Jenna Ortega empfohlen, in dem sie die Überlebende eines Highschool-Amoklaufs spielt. Einerseits kann man sehr gut Tara verstehen, die sich auf Studentenpartys betrinken und einfach mal über die Stränge schlagen will. Andererseits wird sehr schnell deutlich, dass es gute Gründe für Sams Übervorsicht gibt.

So viele Ghostface wie nie zuvor

Denn so schnell wie in keinem Scream-Film bisher, wird an der Hoffnung auf Normalität gerüttelt. Erstmals in der Reihe wird innerhalb der ersten Minuten enthüllt, wer Ghostface ist. Doch das liegt ganz einfach daran, dass es in Scream 6 nicht nur einen, nicht nur zwei, sondern viele verschiedene Ghostface-Killer gibt.

Dieser coole Twist in den ersten Minuten, stellte zusammen mit dem emotionalen Einstieg ohne Frage das Highlight des Films dar. Kaum hatte man sich gerade darauf eingestellt, welche Motive Ghostface diesmal verfolgt, erschien auch schon eine neue kostümierte Gestalt mit der Schmerz-verzerrten Maske, die die bisherige Deduktion über Bord warf.

Da Scream 6 eine Freigabe ab 18 Jahren erhielt, geht es diesmal um einiges blutiger zu. Wir sehen umfangreiche Stichwunden mit allerlei Gekröse und Ghostface greift auch mal zur Shotgun. Besonders gut gefallen, hat mir dabei die Inszenierung der Mini-Markt-Szene, in der sich die Carpenter-Geschwister durch die zerschossenen Regale schleichen müssen. Wenn man im Kino die Luft anhält, weil man nicht die Aufmerksamkeit von Ghostface auf sich lenken möchte, haben Skript und Regie scheinbar was richtig gemacht.

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Auch die Szene in der New Yorker Ubahn, in der Ghostface fast wie ein Geist ganz langsam immer näher an sein Opfer schwebt, zeigt deutlich, dass die Scream-Reihe mit der richtigen Inszenierung, auch nach all den Jahren einiges an Potenzial in sich birgt.

Typische Franchise-Probleme?

Kurz ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass der Film mir genauso gut wie der OG-Scream (1996) gefallen könnte. Doch leider geht auch diesem „bigger, better, bloodier“-Franchise im Verlauf etwas die Luft aus. So spannend es zunächst auch ist, die zahlreichen neuen Charaktere kennenzulernen, denn mehr Leute heißt mehr Verdächtige, so sehr hat die Geschichte damit zu kämpfen, die Laufzeit von über 2 Stunden zufüllen. Dann gibt es ein paar romantische Momente hier, etliche belanglose Gespräche der Studierenden da und ab und zu kommen alte Bekannte wie Gale und Kirby ins Spiel. Die sind zwar gewohnt sympathisch, wirken jedoch meist wie Fremdkörper. So ist Kirby nun FBI-Agentin und leitet zufällig den Fall, während Gale mit ihrer Super-Spürnase natürlich sofort das geheime Hideout von Ghostface findet. So weit, so Slasher.

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Unheimlich schade ist außerdem, dass aus dem neuen großen New-York-Setting kaum was gemacht wurde. Ja, wie fast alle Filme heutzutage wurde auch Scream 6 in Kanada gedreht, aber mittlerweile stellt es technisch keine große Herausforderung dar, es zumindest so aussehen zu lassen, dass die Charaktere beispielsweise auf dem Empire State Building kämpfen. Das hat immerhin schon King Kong geschafft. Und von den bekannten Sehenswürdigkeiten mal abgesehen, wird auch die Größe der Metropole nicht genutzt. Es bleibt die meiste Zeit bei den bekannten Kämpfen auf engem Raum wie der Ubahn, oder dem Wohnzimmer. Die Anonymität der Großstadt, oder ein Netzwerk von Ghostface-Anhängern, die zusammenarbeiten, all diese potenziellen Elemente werden nicht genutzt.

Wirklich enttäuscht war ich jedoch vom großen Finale, auf das ich mich, wie viele andere Scream-Fans, seit Monaten gefreut hatte. Denn wie bei jedem „Whodunit“-Film gibt es nichts schöneres, als Theorien zuspinnen, wer es sein könnte, um dann endlich die große Auflösung zu bekommen. Es sei an dieser Stelle nur so viel verraten, dass leider der Twist gewählt wurde, den ich von Anfang an befürchtet hatte. Gerade bei einem teils so gelungen inszenierten Horrorfilm schmerzt es sehr, dass auf so ein Klischee gesetzt wurde.

Gibt es Meta nur noch auf Social Media?

Apropos Klischee – Scream ist immerhin bekannt dafür mit der Metaebene zu spielen und Elemente des Horrorfilm-Genre im Horrorfilm selbst zu besprechen. So redet ein Charakter in einem Moment noch darüber, dass Horrorfilme ätzend sind, da dort dumme, vollbusige Frauen die Treppe hochrennen, anstatt rauszurennen, nur um wenige Momente später selbst so zu handeln. Oder jemand schreit die Charaktere auf dem TV-Bildschirm an, dass sie besser aufpassen sollen und merkt dabei nicht, dass der Killer gerade hinter ihnen steht. Doch bis auf Mindys im Einstieg angesprochene Regeln eines Franchise, ist von dieser Meta-Ebene nicht mehr allzu viel übriggeblieben. Selbst die Stab-Reihe, die die Geschehnisse der Scream-Filme als Film-im-Film wiedergibt, scheint immer mehr in den Hintergrund zu rücken.

Als Scream-Fan finde ich diese Neuausrichtung trotzdem ziemlich gut. Im Vergleich zum Ende der 90er, in denen der Horrorfilm gerade eine ziemlich schwache Phase durchlebte, ist das Genre in den letzten Jahren wieder sehr beliebt und verzeichnet einen Erfolgsh*t nach dem nächsten (Halloween Ends, Smile, Barbarian, M3gan, Scream 5+6). Die bloße Nennung zahlreicher Horror-Tropes, die über die Jahre immer seltener genutzt werden, erzeugt daher nicht mehr dieselbe Wirkung wie damals.

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Umso spannender finde ich Battinelli-Olpins und Gilletts Versuch herauszuarbeiten, welche Bewegungen sich heutzutage im Horrorfan-Kosmos finden lassen. So rückte Scream 5 enttäuschte Filmfans in den Fokus, die so frustriert von den nicht enden wollenden schlechten Fortsetzungen waren, dass sie für einen guten Film sogar töten wollten. Scream 6 unternimmt zumindest den Versuch zu zeigen, dass heutzutage gefühlt alles jederzeit mit dem Handy gefilmt und gegen uns verwendet werden kann. Sam erfährt außerdem innerhalb kürzester Zeit eine Hasswelle auf Social Media, ohne dass viel dafür getan werden musste. Dieses moderne Zeitalter wird von einem Ghostface mit dem Satz „who gives a f*ck about movies“, also „wer zum Teufel interessiert sich für Filme?” geradezu besiegelt. Ja, dieser vermeintliche Spiegel von Fandoms ist in beiden Filmen noch etwas dünn und vermisst ohne Frage die Finesse eines Wes Craven, die frischen Ansätze sind zusammen mit der spannenden Inszenierung jedoch gelungen.

Fazit: Für Fans von Ghostface ein Muss

Trotz der Längen und dem für mich wenig überraschenden Ende, werden besonders Fans von Ghostface bei Scream 6 auf ihre Kosten kommen. Eingebettet in die teils rührende Geschichte der Carpenter-Geschwister, kommt es immer wieder zu spannend inszenierten Auseinandersetzungen – wer möchte in 3D. Dabei lässt das 18er-Rating und sad*stische Auftreten der Gegenspieler das Erlebte um einiges reifer wirken als seine Teenie-Slasher Vorgänger. Schade ist, dass ein Großteil der zahlreichen neuen und bekannten Charaktere nur wie Beiwerk wirkt. Weder Gale, Kirby, Chad oder Mindy spielen eine große Rolle und an die Namen der neuen Charaktere könnt ihr euch wahrscheinlich nicht mal mehr erinnern. Manchmal ist weniger vielleicht doch mehr, schauen wir also mal was uns in Scream 7 erwartet.

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